
Oh du lieber Augustin
Was der bekannten Wiener Sagengestalt 1679 während der Pestzeit passiert ist, spiegelt eine weit verbreitete Angst der Gesellschaft vergangener Jahrhunderte wider: die Angst davor, lebendig begraben zu werden.

Wer war laut Sage der liebe Augustin?
Eines Abends hat der Bänkelsänger Augustin aus Frust über den Mangel an zahlendem Publikum so tief ins Glas geschaut, dass er am Heimweg sturzbetrunken am Straßenrand eingeschlafen ist. Und zwar so tief und fest, dass ihn Pestknechte für tot hielten und in eine Pestgrube warfen. Als er am nächsten Morgen ausgenüchtert, aber umgeben von Pesttoten aufwachte, spielte er Dudelsack, um entdeckt und aus der misslichen Lage befreit zu werden.
All das überstand er ohne böse Folgen. Ganz im Gegenteil liebte das Publikum die Lieder über sein Scheintod-Erlebnis, sodass Augustin hinkünftig gut vom Singen leben konnte.
Bis heute gilt er als Symbol für die Natur und den Hamur der Wiener:innen, die dank ihres Humors alles überstehen.
Im 18. Jahrhundert war die Angst vor dem sogenannten Scheintod in Europa besonders weit verbreitet. Viele Menschen hatten Panik davor, fälschlicherweise für tot gehalten und begraben zu werden.
Diese Angst ist durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Mediziner lange Zeit nur durch Pulskontrolle, das Abhören des Herzens und das Wahrnehmen des Atems feststellen konnten, ob jemand noch am Leben war.
Zuverlässige Diagnosemethoden, um den Tod eindeutig von Zuständen mit schwachen Vitalfunktionen zu unterscheiden, wie etwa ein Koma oder tiefe Bewusstlosigkeit, fehlten damals noch.
Im Zeitalter der Aufklärung wurden sich Mediziner dieses Mangels immer bewusster. Sie diskutierten im Kollegenkreis über sichere Todeszeichen.
Einige fühlten sich auch dazu berufen, die Öffentlichkeit mit drastischen Mitteln vor der Gefahr des Lebendig-Begraben-Werdens zu warnen. Zu diesem Zweck veröffentlichten sie Geschichten über Scheintote, die weitgehend auf Legenden und Sagen basierten, für die Veröffentlichung aber als wissenschaftliche Fallakten präsentiert wurden.
Derart befeuert nahm die Angst der Menschen, lebendig begraben zu werden, ganz neue Formen an.
Abhängig vom Geldbeutel konnten Särge nun vorsorglich mit unterschiedlichen Sicherheitseinrichtungen ausgestattet werden: von einfachen Glocken, um sich bemerkbar zu machen, über Belüftungsrohre, falls die Glocken länger nicht gehört werden sollten, bis hin zu direkten Zugängen zu Schächten, durch die man über Leitern wieder an die Oberfläche gelangen konnte.
Neben der Entwicklung solcher Spezialfeatures für den Fall der Fälle gab es aber auch tatsächliche medizinische Fortschritte. Nach und nach wurden erste Kriterien entwickelt, um den Tod eindeutig diagnostizieren zu können, wie etwa die Totenstarre oder Verwesungsanzeichen.
Im deutschsprachigen Raum war vor allem der Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland, Goethes Hausarzt und späterer Mitbegründer der Berliner Charité, sehr engagiert in der Forschung und Aufklärung in Sachen Scheintod. Sein Einsatz war unter anderem mitverantwortlich für die Einführung einer gesetzlichen Frist von 48 Stunden vor Durchführung der Beisetzung.
Um die Toten während dieses Zeitraums beobachten zu können, wurden sogenannte Leichenhäuser gegründet.
Auch in Österreich wurden unter Maria Theresia bzw. Joseph II. entsprechende Reformen durchgeführt. Dank Beobachtung in Aufbewahrungsräumen bis zum Ende der gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeit wurden Nahtod-Erlebnisse wie jenes des lieben Augustin immer unwahrscheinlicher.
Im 19. Jahrhundert galt das Münchner Leichenhaus als Sehenswürdigkeit und fand sogar Erwähnung im Baedeker. Gegen eine Eintrittsgebühr konnte es besucht und – inklusive der dort zwischengelagerten Toten – besichtigt werden. Ein Reisebericht Mark Twains aus dem Jahr 1882 ermöglicht schaurige Einblicke in den damaligen Touristen-Hotspot.
Dank der medizinischen Fortschritte muss sich heute anders als zu Beginn der Aufklärung niemand mehr davor fürchten, lebendig begraben zu werden.
Wer sich dennoch gerne ein paar gruselige Schauer zum Thema holen möchte, kann bei Edgar Allen Poe nachlesen. Er hat dem Scheintod in seinen Geschichten viel Platz gewidmet und hält die Legende damit literarisch bis heute am Leben.

